Von Raupe zu Seide – Naturfaser des Orients
Wohl jeder schmiegt sich gerne an diese wunderbar weiche Naturfaser, die aus unserer Kleidung kaum noch wegzudenken ist – aber wie der hauchzarte Faden entsteht und zu der für uns nutzbaren Faser verarbeitet wird, wissen die wenigsten.
Der Maulbeerspinner, ein unscheinbarer weißer Nachtfalter, ist für dieses Wunderwerk zuständig. Die Raupen des Insekts ernähren sich von den Blättern des Maulbeerbaums, einer Pflanze mit essbaren, brombeerartigen Früchten. Ist das Leben der Insekten in den ersten 30 Tagen nur durch Fressen und Häuten ausgefüllt, bauen sie nun vier Tage lang an ihrem Kokon. Dazu scheiden die jetzt etwa 8 cm langen Raupen aus ihren vier Spinndrüsen im Maul einen Seidenfaden aus, den sie in bis zu 300.000 Schlingen um sich selber wickeln. In dieser Position verharren sie nun innerhalb der Puppe, bilden dort Flügel und Beine des Schmetterlings aus. Doch bevor die Tiere schlüpfen können, werden sie durch Wasserdampf getötet. Das ist nötig, da die Insekten sonst beim Öffnen und Herauskrabbeln aus ihren Schutzhüllen die feinen Gespinnstfäden zerreißen würden.
Bis zu zehn Fäden werden bei der Stoff-Herstellung verzwirnt
Um die Seide nutzen zu können, muss erst einmal der Anfang des Fadens gefunden werden. Anschließend kann das lange, hauchdünne Eiweißband vorsichtig entwunden werden. Diesen Vorgang nennt der Weber „Abhaspeln“. Je nach Stärke der Seide werden mindestens 10 solcher Fäden nebeneinander gelegt und durch Verwindung miteinander zu einem Stoff verzwirnt. Mithilfe von warmer Seifenlauge entfernen die überwiegend in Asien beheimateten Fabrikarbeiter den Seidenleim aus raupeneigenen Klebstoffen, der den Kokon zusammengehalten hat. Erst durch dieses so genannte Entbarsten wird die nun weiße Rohseide geschmeidig.
Häufig werden der Seide zusätzlich Kunstharze oder Metallsalze zugefügt, um den Gewichtsverlust des Entbarstens auszugleichen. Neben der besonders wertvollen Haspelseide unterscheidet man Schappseide, zerrupfte Fasern der oberen Kokonschicht, die nicht abgehaspelt werden können. Beim Kämmen dieser Schappseide entsteht ebenfalls ein Abfallprodukt, die Bourette-Seide, die unregelmäßig stumpf ist. Schon lange ist Seide nicht mehr so unbezahlbar, wie noch bei der Entdeckung um circa 3.000 vor Christus, doch hat sie seither nichts an ihrer Kostbarkeit für Spezialisten und Nähateliers eingebüßt.
